Minnas Glück, Alkmenes Ach.

Gedanken auf den Proben und anderswo zu Karin Neuhäusers Inszenierung der ‚Minna von Barnhelm‘ von Gotthold Ephraim Lessing

Das sächsische Fräulein Minna von Barnhelm steht noch am Anfang der langen Reihe großer Frauenfiguren des klassischen und romantischen deutschen Dramas. Und Minna steht allein. Für lange Zeit wird sie die einzige sowohl intelligente als auch freundliche, die einzige sowohl liebende als auch zuletzt obsiegende Frau sein, die im deutschen Drama ein Recht auf Glück und so überhaupt Zutritt auf die Bühne erhält. Die Liebe, die sie aus eigener Kraft verwirklicht, das Leben, das sie selbstbestimmt entscheidet, macht sie weit über ihre Zeit hinaus zu einer einsamen Erscheinung.

Vor ihr, aber auch sofort nach ihr betreten einfache, keusche, naive und träumende Mädchen das Theater. Die empfindsam Liebenden erscheinen, Frauen, die nicht wissen, wie ihnen geschieht. Käthchen von Heilbronn weiß es nicht, nein, mein gestrenger Herr. Fausts Gretchen – Nachbarin, Euer Fläschchen! – ist, wenn auch geköpft, nicht gerichtet, ist gerettet. Immer wieder wandeln Frauenfiguren somnambul und leider nicht nur treu wie Bohnenstroh durch die Dramen der deutschen Klassik und Romantik. Selbst das tiefe ‚Ach‘ der Alkmene in Kleists ‚Amphytrion‘ entrinnt der scheinbar typisch weiblichen Lage im Drama dieser Zeiten nicht. Die große Liebe widerfährt ihr wie all ihren Schwestern, der Gott kommt als der Gatte oder letztlich der Gatte als der Gott über sie.

Die intelligente Frau hat im Drama der deutschen Klassik Glücksverbot. Sie ist das Opfer der Liebe. Liebend scheitert sie wie Schillers Elisabeth, deren Gegenspielerin Maria büßt erlebte Liebe auf dem Richtblock. Penthesilea, Königin der Amazonen verliert in Raserei den Verstand und tötet unwissentlich den Geliebten. Die Keusche hingegen überlebt. Iphigenie befreit sich aus der barbarischen Gesellschaft. Priesterin im Zölibat der Artemis bleibt sie ein Leben lang.
Die intelligente Frau darf auf dem Theater der Klassik auch bösartig sein. Sie darf obsiegen, wenn der Erfolg auch Stückwerk bleiben muss. Auch ihr wird Liebe nicht zuteil. Bestenfalls Rache gelingt, wie, halbwegs, die der Orsina aus Lessings ‚Emilia Galotti‘. Unrecht Gut gedeihet nicht. Niemals darf sie in den verweilenden Genuss der Liebe kommen oder gar in eine Beziehung mit Zukunft münden.

Was im Stück geschah: der preußische Militär Major von Tellheim hat die sächsischen Stände unmittelbar nach dem siebenjährigen Krieg mit einem Akt riskanter Zivilcourage gerettet. Schon als Minna von Barnhelm von seiner Tat nur hört, ist sie zu diesem Mann entschlossen. Sie erscheint auf einem Empfang, um ihn leibhaftig kennen zu lernen. Man tanzt miteinander, spricht sich, lernt sich kennen. Minna weiß, dass sie sich – wie es letztlich doch immer geschieht! – zunächst in eine Projektion verliebt hatte. Aber die Liebesgeschichte wird auch in der Wirklichkeit möglich. Major von Tellheim und Minna tauschen die Ringe zum Eheversprechen. Der Verlobte reist nach Berlin, wo er von der Kriegskasse der Veruntreuung angeklagt wird. Der Akt der Zivilcourage ist den Siegern verdächtig. Der ins Unglück geratene Tellheim bleibt verschollen.

Minna weiß nicht Genaues. Aber sie fürchtet um ihren Major von Tellheim. Sie macht sich auf eine riskante, eine unerhörte, eine fast verbotene Reise.Ohne Wissen ihres Oheims reist sie mit ihrer Kammerzofe Franziska in die nicht ungefährliche Metropole der Nachkriegszeit, nach Berlin. Sie führt eigenverantwortlich das Steuer ihres Schiffes, der Ausgang der Reise aber ist höchst ungewiss. Vielleicht reist sie, um einen Mann zu finden, der nun erst jenseits aller Projektionen wirklich kennen gelernt werden kann. Erst, wenn man den anderen wirklich kennt, kann sich die Verliebtheit in Liebe wandeln. Und wenn es nun noch zum Eheschluss kommen soll, dann wird man sich kennen.

In einem Vorstadtgasthof führt ein Zufall die Liebenden zusammen. Die Liebe ist beiderseits ungebrochen, aber Tellheim, verwundet, krank, angeklagt und mittellos, kann es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, eine junge Frau in seinen Untergang mitzureißen. Minna beschließt zu handeln.

Minna kämpft mit den Waffen der Rede, der Kritik, des Dissens und der Analyse. Und sie kämpft mit der Waffe der Dramaturgie; in Intrigen und einem kleinen Drama, zur Belehrung des verstockt unglücklichen Verlobten aufgeführt. Ihr Sieg ist ungewiss. Sie ist ganz und gar alleine in diesem Kampf. Und sie siegt. In Lessings Stück erleben wir keine feindliche, eine freundliche Übernahme. Es ist ein Sieg einer Aufklärung, die die Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Handlungsvorschriften als Konventionen entlarvt. Wir erleben eine kreative, eine spielerische, gar eine schauspielernde Kriegsführung der Geschlechter. Es geht nicht um Interessen. Es geht um Ideale. Es geht um Verantwortungen, um Positionen. Und es geht darum, das all die ins Feld geführten Zwänge und Selbstverpflichtungen einer chimärenhaften Männerehre vor der Macht der Liebe keinen Bestand kennen sollten.

Man emanzipiert sich zur Liebe, das ist die Lektion die Minna von Barnhelm uns heute noch erteilen kann. Aber auch Gleichheit allein ist nicht das feste Band der Liebe. Der Dissens, das Gespräch, die Kritik und das Spiel halten die Fahrt auf dem Liebes- wie auch dem Ehekarussell frisch und freudig. Das feste Band der Liebe – das ist ist der lebendige, immer wieder erneuerte, modifizierte, geänderte, in stetem kreativen Entstehen sich fortbewegende Vertrag zweier erwachsener, zweier emanzipierter Menschen.

Lessing war 1767 und unmittelbar nach Fertigstellung der ‚Minna‘ gerade in Hamburg angekommen, als er zugleich mit dem Hamburger Kaufmann Engelbert König auch mit dessen Frau Eva Freundschaft schloss. Eine Frau, wie er sie mit Minna geträumt hat, tritt ihm in Eva König leibhaftig entgegen. Eine tiefe Freundschaft entsteht, aus der vielleicht noch zu Lebzeiten des Gatten beiderseits uneingestandene Liebe wird. Als Engelbert König stirbt, will Lessing für das Wohl von Eva König und ihren Kindern sorgen. Möglicherweise gibt dies Lessing sogar den Ausschlag, das Angebot der Bibliothekar-Stelle in Wolfenbüttel anzunehmen. Die Witwe Eva König und Lessing gehen noch lange getrennte Wege. In Briefen sprechen sie sehr vorsichtig ihre Liebe an. 1771 verloben sie sich. Lessing geht nach Wolfenbüttel. Er adoptiert zuerst die Kinder des Freundes. Eva König hingegen reist durch Europa, um ihren Kindern das Vermögen ihres verstorbenen Gatten zu erhalten. Sie wird nicht nur zu einer der ersten erfolgreichen und anerkannten Kauffrauen auf internationaler Ebene. Sie wird eine der ersten vollständig emanzipierten Frauen ihrer Zeit. Lessing und Eva König sehen sich immer wieder, in Wien und anderen Orts. Ihre Briefe sprechen eine ähnliche Sprache wie die der Verhandlungen Minnas und Tellheims. Sie sind geistreich, heiter, vorsichtig, kritisch, kreativ und wahrheitsliebend und werden auf dieser Basis immer zärtlicher. Schließlich heiraten sie 1776 in Wolfenbüttel. Briefe und Quellen zeichnen das Bild lebensfrohen, spielerischen, heiteren und unbeschwerten Eheglücks. Aber dem Paar ist nur ein einziges frohes Jahre Seite an Seite vergönnt. Bereits mit dem Jahreswechsel 1777 – 1778 tritt die Katastrophe ein. Der erste gemeinsame Sohn überlebt die Zangengeburt nicht. Die vierzigjährige Mutter überlebt ihr Kind nur um wenige Tage.

Lessing schreibt am 31. Dezember 1777 an den Freund Eschenburg:

Ich ergreife den Augenblick, da meine Frau ganz ohne Besonnenheit liegt, um Ihnen für Ihren gütigen Anteil zu danken. Meine Freude war nur kurz: und ich verlor ihn so ungern, diesen Sohn! denn er hatte so viel Verstand! so viel Verstand! – Glauben Sie nicht, dass die wenigen Stunden meiner Vaterschaft mich schon zu einem Affen von Vater gemacht haben! Ich weiß, was ich sage. – War es nicht Verstand, dass man ihn mit eisernen Zangen auf die Welt ziehen musste? Dass er so bald Unrat merkte? – War es nicht Verstand, dass er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davon zu machen? – Freilich zerrt mir der kleine Ruschelkopf auch die Mutter mit fort! – Denn noch ist wenig Hoffnung, dass ich sie behalten werde. – Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen! Aber es ist mir schlecht bekommen.

Am 10. Januar 1778 an Eschenburg:

Meine Frau ist tot; und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, dass mir viel dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen, und bin ganz leicht. – Auch tut es mir wohl, dass ich mich Ihres, und unserer übrigen Freunde in Braunschweig, Beileids versichert halten darf.

Wir können in ihren Briefen das Gespräch der Liebenden verfolgen – von der ersten Annäherung, dem Eingeständnis, durch das kluge und vorsichtige Entwickeln eines wirklichen Verständnisses des Anderen zu der ganzen Natur ihrer Beziehung. Und wir erleben die Entstehung dessen, was man heute eine Patchwork.Familie nennen würde: die Entstehung einer selbstbewussten Familie, deren Mitglieder wissen, dass es nicht die Blutsbande sind, sondern die filigranen Bänder und Beziehungen einer sich stets aktualisierenden Liebe und und eines sich stets erneuernden Gesprächs in Intelligenz, Kritik und Spielfreunde, die einer Liebe, einer Ehe und einer Familie die haltbarsten Bänder zu geben in der Lage sind.

Wir sind aufgeklärt. Die Patchwork-Familie, zu Lessings Zeiten ein Unding, ist heute gesellschaftliche Realität. Aber wir wissen trotzdem, dass uns noch einiges zu tun bleibt, bevor wir ganz und gar würdig sind, mit dem sächsischen Fräulein auf einer Bettkante im schlechtesten aller Gasthöfe Freiheit, Emanzipation, Liebe, Glück und Kartoffeln zu teilen. Die Arbeit der Schauspieler auf den Proben verfolgend, oder, auf Gastspiel mit Karin Neuhäusers Inszenierung von Shakespeares ‚Was Ihr wollt‘ in Wolfenbüttel zu Gast und dort in Eva Königs Sterbezimmer aus dem Fenster sehend, fällt mir zumindest im deutschen Drama kein weiteres Fräulein, auch keine weitere Frau mehr ein, die so modern lieben, alleine stehen, intelligent kämpfen und dennoch aufgeklärt obsiegen könnte wie Minna von Barnhelm.

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